Energieeffizient und günstig: Bauen und Dämmen mit Stroh – gesunde Raumluft für Bewohner, Marktlücke für Zimmereien

Das erste Strohballen-Wohnhaus in Hessen

Das erste Strohballen-Wohnhaus in Hessen (Copyright: Shakti Haus)

Strohballen sind als Dämmstoff günstig, energetisch hochwertig und nachhaltig. Diese Verarbeitungsform birgt Potenzial für Landwirte und Zimmereien. Entgegen verbreiteter Vorurteile, erfüllt ein Strohballenhaus die gängigen Brandschutzvorgaben. In Hessen wird gerade das erste Strohballen-Wohnhaus in Bad König fertiggestellt.

Susanne Körner macht es nichts aus, wenn es draußen kalt und eisig ist oder heiß und trocken. Denn hohe Energiekosten und  trockene Heizungs- oder Klimaanlagenluft sind für die 41-jährige Architektin kein Thema: Sie wohnt und arbeitet seit kurzem in einem mit Strohballen gedämmten Gebäude im hessischen Bad König. Die Wärmeleitfähigkeit  von Strohballen ist mit einem Lambda-Wert von 0,045 W/mK  fast identisch mit der von Holzweichfaserplatten und Zellulosefasern. „Zusätzlich garantiert die Kombination mit Lehm oder Kalk eine perfekte Raumluft“, sagt Susanne Körner.

Besser atmen und sich wohlfühlen: Schadstoffe aus der Luft werden gefiltert

Die natürlichen Baustoffe Lehm und Kalk nehmen Wasserdampf aus der Raumluft schnell auf und speichern die Feuchtigkeit. Die Gefahr von Kondensat wird verringert und beugt

Küche und Eingangsbereich des mit Strohballen gedämmten Wohnhauses in Bad König

Küche und Eingangsbereich des mit Strohballen gedämmten Wohnhauses in Bad König

damit Schimmel vor. Wenn die Luft trocken wird, beispielsweise durch längeres Heizen, gibt die Lehmwand wieder Feuchte ab. „So sinkt die Luftfeuchtigkeit im Raum nie unter 50 Prozent“, erklärt Architektin Körner. Lehm- und Kalkputz – typische Ergänzungen zur Strohballendämmung –  filtern zudem Schadstoffe aus der Luft. Durch Feuchtigkeit werden Schleimhäute konstant befeuchtet. Das hilft vor allem Allergikern. Zudem ist  Kalk basisch und reguliert Säuren, neutralisiert somit eventuelle Schadstoffe in der Luft.

Körner hat mit ihrem Partner Tilman Schäberle vor zehn Jahren das Architekturbüro Shakti Haus gegründet: „Wir wollen gesundes Wohnen mit natürlichen Materialien unterstützen und verbreiten. Fünf Strohballenhäuser haben wir bereits in Deutschland gebaut und freuen uns, dass wir nun selbst von den vielen Vorteilen profitieren“, sagt Körner, die nun in dem ersten Strohballenhaus Hessens,  in Bad König wohnt.

Deutschlandweit gibt es etwa 150 Bauwerke, die mit Strohballen gedämmt sind. Bei einigen davon sind die Strohballen lastabtragend eingesetzt.

Regional und günstig: Strohballen gibt es fast überall

Wer mit Strohballen baut und dämmt, kann seine Baukosten senken: „Ein Strohballen kostet ungefähr ein bis drei Euro. Für die Dämmung eines Einfamilienhauses braucht man im Schnitt etwa 350 Ballen. Im Vergleich zu Dämmstoffen wie Hanf und Mineralwolle kann die Baufamilie bis zu 10.000 Euro an Materialkosten sparen“, rechnet Körner vor. Auch die Einbautechnik sei unkompliziert. So sei es bei richtiger Anleitung kein Problem, die Strohballen mit einfachen Handgriffen korrekt einzubauen. Da es fast immer überall in der Region Getreidefelder gibt und Landwirte Strohballen zusammenpressen, ist der Transportweg kurz und günstig.

Vergleich der Wärmeleitfähigkeit (Lambda-Wert):

Marktlücke für Zimmereien: preiswerter Baustoff, leichte Verarbeitung

Es gibt  eine Tendenz, dass immer mehr Bauherren weniger selbst anpacken, sondern ein schlüsselfertiges Haus kaufen wollen. Hier biete sich eine Chance für Zimmereibetriebe, sagt Architektin Körner: „Der Rohstoff ist günstig, die Zimmereien müssten die Technik  optimieren, wie die Strohballen in vorgefertigte Wandelemente  eingebaut werden. Da es relativ einfach ist, spart es auch Arbeitszeit und somit erhöht sich der Gewinn für eine Zimmerei.“ Zimmerei könnten beispielsweise für Fertighaussysteme Strohballenwände anbieten.

Ökologisch wertvoll: zehnfach geringerer Energieverbrauch

Stroh ist ein Rohstoff, der nach der Ernte und dem Ausdreschen der Getreide übrig bleibt. Die Landwirte verwenden Stroh meist als Miststreu. Der Aufwand, einen  Strohballen auch als Dämmstoff einsetzen zu dürfen, ist für den Bauern nicht viel größer: Er muss seine Presse auf den Maximaleinschlag einstellen, damit die Ballen eine Pressdichte von 125 Kilogramm pro Kubikmeter aufweisen: Dadurch ensteht ausreichend Festigkeit für den Einbau und das Verputzen. Zudem wird damit der vorgegebene Dämmwert erreicht. „Das Tolle am Stroh ist die niedrige Primärenergie: Verarbeitung zu Strohballen ist ein überschaubarer Aufwand. Und da es sie regional gibt, sind die Transportwege kurz“, fasst Körner zusammen. Wenn sich die Strohbauweise etablieren würde, würde es  auch die  regionale Wirtschaft stärken. Der Energieaufwand, vom Strohhalm zum Dämmstoff Strohballen ist ums zehnfache niedriger als beispielweise das herkömmliche Polystyrol und Mineralwolle. „Für Polystyrol wird Erdöl verwendet, während Stroh ein nachwachsender Rohstoff ist“, sagt Körner.

Hintergrund: Feuerschutz wie bei einer 20 Zentimeter dicken Betonwand
Strohballen sind als Wärmedämmstoff zugelassen. Nach einem Prüfbericht des Magistrats der Stadt Wien erfüllt ein Strohballengebäude die Brandschutzklasse F 90, wenn der Dämmstoff mit fünf Zentimeter dickem Lehm verputzt ist. F 90 bedeutet, dass die Wand 90 Minuten einem Feuer widersteht. Das entspricht in etwa einer 20 Zentimeter dicken Betonwand. Der Fachverband Strohballenbau Deutschland e.V. FASBA macht regelmäßig Brandtests, die dieses Ergebnis bestätigen.

Ein Strohballenhaus? Das brennt doch sofort ab.“ Mit solchen Aussagen wird das Architekturbüro von Körner öfter konfrontiert. Tests haben jedoch ergeben (siehe Hintergrund-Kasten), dass Strohballenhäuser die Brandschutzauflagen für Einfamlienhäuser problemlos erfüllen. „Da die Strohballen ganz fest gepresst werden, ist da keine Luft mehr zwischen den einzelnen Strohhalmen. Das Feuer hat damit  keine Sauerstoffzufuhr und es brennt nicht“, erklärt Körner.

Auch das Vorurteil, dass Mäuse oder Insekten hineinkriechen, weist Körner zurück: Die zur Dämmung gepressten Strohballen werden sofort verkleidet und verputzt. Somit ist die Wand luftdicht und es kann nichts rein oder raus.

Gute Planung und Verarbeitung zum Schutz vor Bauschäden und Schimmel

„Ein Strohballenhaus ist nicht aufwendiger zu planen als ein herkömmliches Gebäude. Man muss sich jedoch mit der Materie und den Herausforderungen auskennen“, sagt Architektin Körner. Beispielweise bei Anschlussdetails wie Rollläden oder den korrekten Einsatz von Strohballen im Spritzwasserbereich. Auch bei den Fenstern müsse auf die Anschlüsse geachtet werden. Auch, dass die Dampfbremse von innen durchgängig angebracht ist. Zudem müsse man sich mit den bauphysikalischen Aspekten auskennen. Bei Strohballendämmung darf zum Beispiel nicht der Außenputz aus Zement sein.

Doppelte Sicherheit mit feuchtevariabler Dichtung der Gebäudehülle

Eine große Rolle bei Strohballendämmung spielt die passende Dichtung der Gebäudehülle. „Die Luftdichtung ist bei einem Strohballenhaus besonders wichtig, weil keine Feuchtigkeit in die Dämmung eindringen darf. Falls doch, muss sie schnellstmöglich herausgeleitet

Minimierung des Risikos von Bauschäden: feuchtevariable Dichtung der Gebäudehülle mit pro clima

Minimierung des Risikos von Bauschäden: feuchtevariable Dichtung der Gebäudehülle mit pro clima

werden. Das ist mit feuchtevariablen Bahnen und mit pro clima Detaillösungen möglich“, sagt Susanne Körner. Zur Winddichtung beim Dach hat das Architektenpaar die hochdiffusionsoffene, feuchtevariable Unterdeckbahn SOLITEX UD eingesetzt. Als Luftdichtungssystem wurde die feuchtevariable Dampfbremse DB+ verwendet. „Es ist eine tolle Sache, dass dieses Luftdichtungs-System hauptsächlich aus Baupappe besteht und keine Folie ist. Das gibt mehr Puffer vor Kondensatschäden, weil Papier saugfähiger ist. Die Feuchtevariabilität ist zudem eine doppelte Sicherheit – dass, falls doch irgendwie Wasserdampf eindringt, dieser auch wieder rausgeht und somit keine Bauschäden entstehen“, erklärt Körner ihre Materialauswahl, „wir empfehlen Kunden generell feuchtevariable Dampfbremsen, da diese das Risiko vor Bauschäden minimieren.”

Das Architektenduo hat darauf geachtet, dass alle eingesetzten Produkte möglichst ökologisch abbaubar sind. Körner lacht: „Falls das Haus irgendwann mal abgerissen werden sollte, kann das Material getrennt und die Strohballen können einfach kompostiert werden.“

Architektin, Planerin und Bauherrin: Susanne Körner (42) hat mit ihrem Partner

Architektin Susanne Körner

Architektin Susanne Körner

Tilman Schäberle an der TU Darmstadt Architektur studiert. 2002 haben sie das Architekturbüro Shakti Haus gegründet. Ihren Schwerpunkt legt das Paar auf ganzheitliches Bauen: von gesundem Wohnen ohne Giftstoffe, Baubiologie bis zu Geomantie und Feng Shui. Sie haben Zertifikate und Weiterbildungen in Feng Shui, Permakulturdesign und Bauberater abgeschlossen. Sie leben in Bad König im hessischen Odenwald.

 

Zahlen und Fakten zum ersten Wohnhaus in Hessen mit Strohballen

Dämmkosten – ein Rechenbeispiel

Architektin Susanne Körner hat bereits bei fünf  Bauwerken die Strohballendämmung eingesetzt. Sie rechnet vor: „Vergleicht man die reinen Materialkosten sind Strohballen das weitaus günstigste Dämm-Material: umgerechnet auf 1 m³ kosten Strohballen im Kleinformat (1m x 0,5m x 0,36m) ca. 9-15 €/m³. 1 m³ Hanfdämmung liegt dagegen bei ca. 100€, 1m³ Holzweichfaserplatte bei ca. 200€, 1m³ Mineralwolle ca. 54 € und 1 m³ Styroporplatten liegen bei ca. 75€. Zu berücksichtigen sind hier natürlich auch der Kostenaufwand beziehungsweise die eigene Arbeitszeit für den Einbau der Strohballen, die sich durch eine Vorfertigung stark reduzieren lassen.“

Geschichte: Erstes Strohballenhaus 1890 in USA gebaut

Ansprechpartner für Bauen mit Stroh
Shakti Haus – Architekturbüro Susanne Körner und Tilman Schäberle
Fürstengrunderstr. 100c, 64732 Bad König
Tel.: 06063/95 17 588; Fax: 06063/95 17 599; Mobil: 0178-1385988
info@shaktihaus.de; http://www.shaktihaus.de
• Fachverband Strohballenbau Deutschland (FASBA) e.V.
Artilleriestraße 6, 27283 Verden
Tel. : 04231/960 25 45; Fax: 04231/960 25 45 9; http://fasba.de
• Weitere Ansprechpartner sind auf der FASBA-Homepage gelistet:
http://fasba.de/content/view/211/331/

Die ersten Strohballenhäuser wurden in den USA Ende des 19. Jahrhunderts gebaut. In Nebraska stapelten Wanderarbeiten die Strohballen aufeinander und bauten so Wände. Vor allem in Regionen mit wenig Holz verbreitete sich der Strohballenbau. In Deutschland gibt es etwa 150 mit Strohballen gedämmte Wohnhäuser und Gebäude. Dabei sind auch Häuser, bei denen Strohballen die lastabtragende Stütze sind. Um eine Genehmigung dafür zu erhalten, muss die Statik nachgewiesen werden. „Der lastabtragende Strohballenbau hat sich vermutlich deswegen nicht etabliert, weil es sich bei Einfamilienhäuser nicht lohnt. Wenn Strohballen als komplette Wände fungieren sollen, wird die Wand mindestens einen Meter dick – das passt nicht auf jedes Grundstück“, sagt Susanne Körner.
(Mit Informationen von Wikipedia und FASBA.)

Bauen mit Stroh – Bilder vom ersten Strohballen-Wohnhaus in Hessen. (Copyright: Shakti Haus)

 

Schon gewusst? Energieeffizienz bedeutet nicht automatisch ökologisch und wohnungesund

Seitdem die Kosten für die  Rohstoffe  Strom, Gas und  Öl gestiegen sind, interessieren sich immer mehr Menschen für energieeffiziente Bauweisen, wie beispielsweise Niedrigenergie- oder Plusenergiehäuser. Dabei werden jedoch teilweise Materialien eingesetzt, die nicht ökologisch sind. „Polystyrol hat einen guten Dämmwert mit einer niedrigen Wärmeleitfähigkeit von  0,04 W/mK, aber schon die Herstellung dieses Baumaterials verschlingt Unmengen an Energie“, sagt Baubiologin und Architektin Susanne Körner vom Shakti Haus. Auch die Entsorgung von vielen Baumaterialien wie Mineral- , Glaswolle, Polystyrol, ist problematisch: „Es ist meist Sondermüll.“ Daher sollte der Hauskäufer genau darauf achten, welche Produkte in einem Gebäude verbaut sind. In vielen Neubauten und Passivhäusern sind Materialien eingebaut, die gesundheitsschädigend sein können. Auskunft zu besorgniserregenden Chemikalien in Produkten können über folgendes Formular erfragt werden. Architektin Körner: „Gesundheit sollte immer an erster Stelle stehen, daher lohnt es sich beim Haubau und – kauf intensiv zu recherchieren.”

Energieeffizient und günstig: Bauen und Dämmen mit Stroh – gesunde Raumluft für Bewohner, Marktlücke für Zimmereien auf Facebook teilen
Energieeffizient und günstig: Bauen und Dämmen mit Stroh – gesunde Raumluft für Bewohner, Marktlücke für Zimmereien auf Twitter teilen
Energieeffizient und günstig: Bauen und Dämmen mit Stroh – gesunde Raumluft für Bewohner, Marktlücke für Zimmereien auf Google Plus teilen
Energieeffizient und günstig: Bauen und Dämmen mit Stroh – gesunde Raumluft für Bewohner, Marktlücke für Zimmereien auf Xing teilen
Energieeffizient und günstig: Bauen und Dämmen mit Stroh – gesunde Raumluft für Bewohner, Marktlücke für Zimmereien auf LinkedIn teilen
Energieeffizient und günstig: Bauen und Dämmen mit Stroh – gesunde Raumluft für Bewohner, Marktlücke für Zimmereien auf Tumblr. teilen

2 Gedanken zu „Energieeffizient und günstig: Bauen und Dämmen mit Stroh – gesunde Raumluft für Bewohner, Marktlücke für Zimmereien

  1. Pingback: Mitmachbaustelle Stroh-Lehm-Bau - Transition Town Freiburg

  2. Inzwischen gibt es Stroh auch als Einblasdämmung, was das Dämmen mit Stroh schnell, günstig und einfach macht. Die Verarbeitung erfolgt wie bei Zellulose mit den Vorteilen von Stroh. Die Einblasdämmung besteht dabei aus 100% Stroh ohne weitere Zusätze, da Stroh mit seinem hohen Gehalt an Silikat den notwendigen Brandschutz schon von selbst mitbringt. Gefunden auf: http://www.iso-stroh.at

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Newsletter abonnieren (Jederzeit wieder abbestellbar)