Klebebänder: Der Mythos vom Fingertack oder Daumentest vs. Baustellenrealität

Beim Fingertack schneiden weiche Kleber besser ab, da sie die Oberflächen des Daumens besser benetzen. Auf der Baustelle kann das zu Schwierigkeiten führen, da weiche Kleber in der Regel geringe Kohäsionskräfte aufweisen.

Der beliebte und oft praktizierte Daumentest kann in die Irre führen. Hierbei wird einfach der Daumen auf die Klebefläche gedrückt und das Ergebnis bewertet. Je weicher ein Kleber ist, desto leichter legt er sich an die Daumenstruktur an und kann so schnell eine vergleichsweise hohe Anfangsfestigkeit erreichen. Diese Kleber werden dann häufig als gut klebend eingeschätzt.

Aber Vorsicht! Genauso schnell wie der Kleber in die Daumenstruktur eingedrungen ist, kann er wieder herausfließen das gleiche Prinzip, wie wir es vom Honig kennen. Honig haftet schnell an einem Löffel, fließt aber durch sein Eigengewicht wieder ab, bis nur noch ein dünner Film auf dem Löffel zurück bleibt. Dieser Test ist ungeeignet, um die Qualität eines Klebers zu testen. Ebenso ungeeignet ist der zweite geläufige Test, bei dem das Klebeband auf einen Untergrund aufgeklebt und nach kurzer Zeit kräftig wieder abgezogen wird. Auch dieser Test ermöglicht keine Aussage bzgl. der Dauerhaftigkeit einer luftdichten Verklebung.

Tatsächliche Belastung auf der Baustelle: Die Klebeverbindung wird über Jahre mit geringen Kräften belastet. Daher ist eine ausreichende kohäsive Festigkeit wichtig.

Auf der Baustelle wirken andere Kräfte in der Regel lang anhaltende geringe Zugkräfte. Ein Test, der eine gute Einschätzung der Widerstandskraft von Klebebändern gegen diese Kräfte geben kann, ist der statische Schertest. Dazu wird ein Klebeband auf eine Folie geklebt und auf Abscheren mit einem Gewicht von 200 g auf einer Fläche von 10 cm² belastet. Weiche Kleber beginnen bald der Belastung nachzugeben und das Gewicht fällt ab. Bei einem Test mit 47 verschiedenen Klebebändern über eine Dauer von 2 Jahren versagten im Testzeitraum 40 der Verklebungen. Nur 7 Bänder konnten der Last widerstehen.

Leider sind einige Klebebänder so eingestellt, dass sie den Handwerker durch einen hohen Finger- bzw. Anfangstack überzeugen sollen. Sie sind jedoch nicht auf die tatsächlich vorherrschenden Belastungen im eingebauten Zustand ausgelegt. Wichtig ist die optimale Abstimmung der Adhäsion mit einer guten Anfangshaftung und eine starke Kohäsion, die eine höhere innere Festigkeit bietet.

Mehr über Klebebänder hören Sie in diesem Interview:
Schluss mit den Klebeband-Mythen: So funktionieren sie und daran erkennt man die Richtigen

Ein detaillierter Fachartikel erscheint am Freitag, 13. Oktober hier auf diesem Blog:
https://blog.proclima.com/de/2017/10/fachartikel-klebebaender/

 

Dieser Artikel stammt von Jens Lüder Herms: Er ist Dipl.-Ing. (FH), hat Zimmerer gelernt und anschließend Bauingenieurwesen studiert. Für Forschung und Entwicklung bei pro clima erarbeitet er praktische Lösungen für die Gebäudedichtung.

2 Gedanken zu „Klebebänder: Der Mythos vom Fingertack oder Daumentest vs. Baustellenrealität

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